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Michel Houellebecq ist der am kontroversesten diskutierte Autor der französischen Gegenwartsliteratur. Dabei haben die Wogen der medial verstärkten Erregung über die Person des Schriftstellers längst die oft ohnehin kargen Eilande der Beschäftigung mit seinem Werk überspült. Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch, sich an textanalytisch fundierten Aufräumarbeiten zu beteiligen. Denn der neueren Erkenntnissen zufolge bereits 51jährige studierte Landwirtschaftsingenieur, der – 'nicht ohne Ekel', wie er in einer biographischen Kurznotiz 1988 zu Protokoll gibt – als Informatiker im Pariser Landwirtschaftsministerium arbeitete und später in der Nationalversammlung den Beamtenstatus erlangte, ist nicht nur die von einer polarisierungslustigen Öffentlichkeit freudig empfangene Persona non grata, der es immer wieder gelingt, in einer von politischer und religiöser Gleichgültigkeit gekennzeichneten westlichen Moderne Tabus ausfindig zu machen, die man zu brechen vergaß. Was inmitten der emotional geführten Auseinandersetzungen über das 'Phänomen Houellebecq' oft vergessen wird: Der Franzose kann auf ein in alle Weltsprachen übersetztes und mit einer erklecklichen Reihe von Auszeichnungen bedachtes Œuvre aus drei Gedichtbänden, vier Romanen, einer Erzählung sowie zahlreichen Essays zurückblicken, das einer Analyse in höchstem Maße wert ist, aber auch in weiten Teilen noch immer harrt.

Zwar ist die Zahl der feuilletonistischen Äußerungen zu dem Romancier hoch. Dennoch richtet das Gros der Verfasser der vielen Zeitungsartikel und wenigen wissenschaftlichen Arbeiten zu Houellebecq entweder den Blick in zu ausschließlicher Weise auf den Autor selbst oder hat seine Texte nur unzureichend studiert. Das trifft in potenzierter Weise auf das Romandebüt Extension du domaine de la lutte (1994; dt. Ausweitung der Kampfzone) zu. Es machte den Franzosen zwar durch Mundpropaganda langsam, aber stetig als literarische Stimme vernehmbar. Andererseits steht Ausweitung der Kampfzone nach Erscheinen des skandalisierten Folgewerks Les particules élémentaires (1998; dt. Elementarteilchen) auch literaturwissenschaftlich im Schatten dieses weltweiten Bestsellers oder wird, schlimmer, kurzer- wie leichterhand als bloße Vorübung zu Houellebecqs großem Ideenroman abgetan.

Die vorliegende Studie untersucht den Ich-Roman, der die triste Lebenswelt eines mit sezierendem Blick ausgestatteten jungen und einsamen Pariser Informatikers schildert, systematisch und leistet damit wissenschaftliche Pionierarbeit. Denn das Gros des sperrigen und auf den zweiten Blick so schwierigen, mitunter im Gegensatz zum thesensatten Debattenroman Elementarteilchen für unanalysierbar gehaltenen Textes ist schlechterdings noch nicht ausgelegt.

Teil I

Nach einer Übersicht über die Forschungslage wird im ersten der drei Teile die von Widersprüchen geprägte Hauptfigur charakterisiert: Diese leidet unter ihrer Einsamkeit und flieht doch die Gesellschaft(lichkeit), sie ist liebesunfähig und bricht doch den Stab über eine liebesunfähige Welt, sie ist selbstmitleidig und doch mitleidlos gegenüber anderen. Damit deutet sich bereits in ihr ein Zentralparadox und -dilemma aller tragenden Houellebecq-Figuren der bisher publizierten Romane an: Sie leiden an gesellschaftlichen Tendenzen, deren Verfechter in Wort und Tat sie sind. Sie sind zersetzende Analysten, die das Verschwinden des Geheimen und Heiligen beklagen, strategisch über Bande Denkende, welche die Abgebrühtheit der Welt verurteilen, Positivisten, die über den Metaphysikverlust lamentieren. Sie ermangeln der Attraktivität und fühlen sich als Opfer des Schönheitswahns, legen selbst indes gegenüber dem anderen Geschlecht die Meßlatte für das ästhetisch Akzeptable nicht eben niedrig.

Die Studie wird belegen, daß sich viele dieser widersprüchlichen Verhaltensweisen auf seiten des namenlosen Protagonisten von Ausweitung der Kampfzone als Symptome eines manisch-depressiven Krankheitsbildes auslegen lassen. Hier deutet sich ein nicht restlos auflösbares Spannungsfeld des Romans an, das in der schwierigen Bewertung der Aussagekraft der Diagnosen des Erzählers über die ihn umgebende Welt begründet liegt: Zur erkenntnistheoretisch ohnehin schon prekären subjektiv begrenzten Erzählperspektive im Ich-Roman, bei der die erzählte Welt immer auch bereits Erzählerwelt, also Charakterisierung der Hauptfigur ist, tritt das Problem, daß die Zeitdiagnosen des häufig soziologisierenden Erzählers auch – wenngleich gewiß nicht nur – dem Diagnostizierenden selbst Diagnosen stellen. Ist ihm die Welt so verdunkelt, weil er depressiv ist, oder verhält es sich umgekehrt? Letztinstanzlich entscheidbar ist das nicht, doch wird im Verlauf des Untersuchungsganges deutlich werden, daß sich die Rolle des Romans keineswegs auf die einer bloßen Krankenakte reduzieren läßt.

Dem Erzähler eignen weitere Widersprüche: Er entwirft sich als Durchschnittsexistenz und erlebt doch Phasen, in denen ihn die Ahnung eigenen Auserwähltseins durchdringt. Sein Verhältnis zur Natur pendelt zwischen radikaler Verachtung und an den französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau erinnernden Erlösungshoffnungen.

In enger Textverankerung wird das materialistische, deterministische und positivistische Weltbild des Ich-Erzählers erörtert, der eine so groteske wie pathetische Anrufung bezeichnenderweise ausgerechnet an den Begründer der experimentellen Methode in der Medizin, den Physiologen Claude Bernard (1813–1878), ergehen läßt.

Des weiteren wird der Frage nachgegangen, welche Rolle die im Text anklingenden Anspielungen auf die gelebte Philosophie der antiken Kyniker spielen. Dabei zeigt sich, daß sich in ihnen die Sehnsucht der Hauptfigur nach einer Defensivwaffe ausspricht, mit deren Hilfe den Zumutungen einer verheerten Moderne, deren Mitglieder sich für wenig anderes als finanzielle und sexuelle Macht interessieren, die Stirn zu bieten wäre. In einer Überbietungsstrategie wird der zynisch verfaßten Romanwelt jedoch nicht nur kynisch – durch Selbstverkleinerung –, sondern auch mit ihren eigenen Mitteln – durch die Verkleinerung der anderen – begegnet. Auch das wird eng am Text belegt.

Im Zuge dieses ersten, der Charakterisierung des Helden dienenden Teils der Arbeit werden Exkurse Bezüge auf existentialistische Philosopheme Heideggers und Sartres sowie auf den Camus-Roman Der Fremde (1942) offenlegen. Intertextuell am bedeutendsten und für die Charakterisierung des Helden aufschlußreich sind die Referenzen auf Georg Büchners Erzählfragment Lenz (1839). Das gilt namentlich für das Schlußkapitel des Romans, dessen Höhepunkt durch das Scheitern einer rätselhaften mystischen Vereinigung in einem Gebirgswald des französischen Zentralmassivs gebildet wird.

Teil II

Im in vier Abschnitte gegliederten zweiten Teil der Arbeit wird der Blick durch ein Zurücktreten geweitet. Dadurch geraten die bisher lediglich die Erzählerkonturierung grundierende Verfaßtheit der Romanwelt und die Zeitdiagnostik des Textes stärker in den Blick.

Der erste Abschnitt belegt, daß die Hauptfigur einer Gegenwart konfrontiert ist, in der religiös vermittelten Weltausdeutungen keinerlei Überzeugungskraft mehr innewohnt. Als Spuren sind Restelemente der religiösen Sphäre zwar noch auszumachen, aber eben nur als Spuren, die ja Zeichen der Abwesenheit dessen sind, das sie hinterließ. Daß solche Fragmente überhaupt in den Blick geraten, wird als spirituelle Sehnsucht des Erzählers lesbar, die durch das Christentum, wie eine Begegnung mit einem befreundeten Priester erweist, allerdings nicht mehr zu stillen ist.

Da das Sterben in einer Welt ohne Gott problematisch wird, hat sich, wie der zweite Abschnitt zeigen soll, der Tod innerhalb des Romankosmos zum allenthalben verdrängten und geleugneten Skandal gewandelt. Ob in Gestalt des Jugendlichkeitskultes innerhalb einer neoliberalisierten Wirtschaftswelt oder der Ersetzung des Todes durch die Krankheit: Immer äußert sich heimlich die gleiche namenlos gewordene, da nicht mehr rituell und durch Erzählungen von meta-physischen Wesenskontinuierungen gebannte Angst vor dem organischen Zerfall.

Im folgenden Abschnitt des Mittelteiles werden die im Roman gespiegelten Erfahrungsentwertungen, durch die sich der Lebensblick zu einem ungeschichtlich-augenblickshaften verengt, untersucht. Der Blick richtet sich ebenfalls auf die im Text dargestellten Konformismustendenzen innerhalb einer individualistischen Massengesellschaft sowie die durch diese Uniformierungen bedingte Ausweitung distinktiv-abgrenzender Zeichenpraxen.
Daß einer der mit hohem gesellschaftlichem Ansehen versehenen Pioniere und Vordenker einer Ausdehnung der Informationstechnologien, der im Software-Unternehmen des Protagonisten arbeitet, Freiheit ironischer- und verräterischerweise ausgerechnet als Entropie definiert, wird das schließende Kapitel dieses dritten Abschnittes demonstrieren.

Eine der in den zahlreichen Reflexionspassagen formulierten Hauptthesen des Protagonisten ist die des herrschenden sexuellen Liberalismus in den zeitgenössischen westlichen Gesellschaften. Das klingt recht handlich, ist indes bei näherer Betrachtung kompliziert. Schlimmer: Der Thesenroman relativiert die Romanthesen. Wie sich diese Korrekturen auswirken und daß die These von der sexuellen Marktwirtschaft eher als eine von der Sexualität als einem System der narzißtischen Distinktion aufgefaßt werden muß, sollen genaue Lektüren erhellen. In deren Verlauf wird ebenfalls aufgezeigt, in welcher Weise der Text eine strukturelle Oppositionalisierung des Themenkreises der 'Verführung' auf der einen und der 'Liebe' auf der anderen Seite errichtet, bevor am Ende des vierten und letzten Abschnittes des Mittelteiles der Philosoph Georges Bataille zu Wort kommen soll. Er wies zu einem frühen Zeitpunkt darauf hin, daß sexuelle Befreiungen auch eine ganz andere Gefahr als den Ausschluß der als unattraktiv Geltenden, nämlich die der Verminderung von Lustintensitäten, bergen. Für Bataille besteht die Lust im Erotischen in der transgressiven Entweihung eines Heiligen, in der Überschreitung eines Tabus, so daß als Folge moralischer Deregulierungen sexuelle Verödung oder eine eskalative Flucht in Ersatzsünden drohen würden. Eine solche Flucht in eine nicht mehr vorrangig körperlich orientierte, sondern auf Phantasmen gestützte Form sexuellen Agierens findet sich in Ausweitung der Kampfzone, wie veranschaulicht werden wird, in einer Nebenhandlung skizziert.

Teil III

Eine Stilanalyse wird sich im die Arbeit beschließenden dritten Teil den drei verschiedenen Tonhöhen des Romans – ein Stil der erzählerischen Nüchternheit läßt sich von einem an Lautréamont erinnernden Ton der manierierten Überladenheit und einer wissenschaftlichen Sprechweise unterscheiden – sowie weiteren formalen Eigenheiten von Ausweitung der Kampfzone zuwenden. Zu ihnen gehören nicht zuletzt die perfekt gehandhabten Instrumente einer Rhetorik des Deprimismus, deren Analyse jene Kritiker der Klappentextlesermentalität überführen wird, die dem Autor noch immer stilistische Impotenz unterstellen.


         
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