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Inhalt
Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) gilt als wichtigster Exponent
des Frühklassizismus in Deutschland, als Inspirationsquelle der ›Weimarer
Klassik‹ um Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe, als
derjenige, der die Antikenbegeisterung des Gemmen und Vasen sammelnden
und nach Italien pilgernden deutschen Bildungsbürgertums lostrat,
als philosophischer Letztbegründer des Geschmacks à la grecque ab der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Ziel der vorliegenden Studie ist es,
das Schönheitsideal des Begründers der Kunstgeschichte und Archäologie
in seiner philosophischen Fundierung vorzustellen. Dabei wird der Blick
auf Ursprünge und ästhetische Folgen dieses Ideals den ›antiklassischen‹
Anteil am und im Werk des Klassizisten Winckelmann verdeutlichen.
Im ersten Teil der Arbeit werde ich die zentralen Passagen aus Winckelmanns
Erstschrift, den Gedancken über die Nachahmung der griechischen
Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst (im folgenden abgekürzt wiedergegeben
als Gedancken), referieren und bedenken. Sie erschien 1755
und enthielt in keimhafter Verdichtung bereits viele Züge seines Schönheitsideals,
das das 1764 veröffentlichte Hauptwerk Geschichte der Kunst
des Alterthums (im folgenden abgekürzt wiedergegeben als Geschichte der
Kunst) weiter entfaltet und epochengeschichtlich systematisiert. Besonderes
Augenmerk liegt in diesem Eingangsteil auf Winckelmanns These von
der Überlegenheit griechischer Natur, seinen klimatheoretischen Spekulationen
sowie seiner Vorstellung von der selektiv nachahmenden, gleichwohl
aber geistig befruchtenden und dadurch die kreatürliche Sinnenwelt
überschreitenden Vorgehensweise der griechischen Künstler. Eine herausgehobene
Rolle soll daneben Winckelmanns Einführung der Begriffe der
›edlen Einfalt‹ und ›stillen Größe‹ spielen. Er veranschaulichte diese einer
steilen Karriere entgegensehenden Begriffe zunächst an einer den mythischen
Apollonpriester Laokoon darstellenden Plastik. Da sie nicht nur ein
intensives Nachleben in der Barockmanierismus und Rokoko endgültig
vom Thron stoßenden Ära der deutschen Klassik, sondern ebenfalls ein
beachtliches kunst- und literarästhetisches sowie religionsgeschichtliches
Vorleben haben, werde ich die Geschichte dieser Begriffe zurückverfolgen.
Den Biographismus genauso wie die Verabsolutierung der sogenannten
›werkimmanenten Betrachtung‹ meidend, wird die Studie Winckelmanns
Vita nur dort berücksichtigen, wo sich ein erkenntnisleitender
Zusammenhang aufdrängt. Dies ist der Fall für genannte Durchleuchtung
des Erbteils der (schönheits)formelhaften Charakter gewinnenden
Begriffskomposition von der ›edlen Einfalt und stillen Größe‹ der griechischen
Figuren in Plastik und Malerei. Einfalt und Stille waren semantisch
nämlich bereits vom Pietismus besetzt, und es ist zu prüfen, inwieweit der
in pietistischem Umfeld und Elternhaus aufgewachsene ehemalige Theologiestudent
Winckelmann in seinem Gebrauch der Termini Anleihen bei
der protestantischen Erweckungsbewegung nahm.
Der Einfaltsbegriff ist es auch, der mich zu einer Erörterung des 1528
durch den Renaissance-Humanisten Baldesar Castiglione (in seinem einflußreichen
Il Libro del Cortegiano) formulierten Grazie-Ideals führen
wird.
Im Anschluß soll Winckelmanns Gegenüberstellung von Schönheit
und diese minderndem Ausdruck betrachtet werden. Ich werde Winckelmanns
in der Geschichte der Kunst des Alterthums kunsthistorisch festgemachte
Unterscheidung von ›hohem‹ und ›schönem Stil‹ ebenso untersuchen
wie seine Bevorzugung der weißen Farbe, bevor ich einen Exkurs zur
Ästhetik des Erhabenen unternehmen werde. Deren zwei bedeutendste
deutsche Vertreter, Immanuel Kant und Friedrich Schiller, entwickeln
ihre Konzeptionen in Abgrenzung zum Schönen, welches bei Winckelmann
dagegen mit dem Erhabenen synonymisiert wird.
Die Autarkie des von Winckelmann postulierten über-natürlichen vergöttlichten
schönen Menschen, seine Multioptionalität, die sich der Individuierung
in die Welt und einengender, ›signifizierender‹ Leidenschaftlichkeit
verweigert, bildet einen der Schwerpunkte meines Nachvollzuges.
Das Spannungsverhältnis zwischen Geist und Sinnenwelt, das sich ergibt,
wenn sich Übersinnliches sinnlich manifestieren soll, wird mich genauso
beschäftigen wie jenes zwischen dem Anspruch auf Naturwahrheit der
künstlerischen Darstellung auf der einen und ihrer geforderten Schönheit
auf der anderen Seite.
Im zweiten Teil der Studie werde ich zeigen, daß die beiden vom Auseinanderbrechen
bedrohten Werte von Wahrheit und Schönheit wieder
einander anzunähern eines der Hauptanliegen des italienischen Klassizisten des 17. Jahrhunderts,
Giovanni Pietro Bellori (1615–1695), ist, der
die Errungenschaften der Renaissance gleich gegen zwei ›Verfallsphänomene‹
verteidigen zu müssen glaubt: das des zu großen Naturalismus und
das des zu wenig naturalistischen Manierismus. Winckelmann ist nicht
nur von Bellori, sondern auch von jenem Denker beeinflußt, auf dessen
Metaphysik der Italiener zurückgreift, um sich gegen die Abbildung des
bloß Sichtbaren, der zumindest in weiten Teilen als ›gefallen‹ betrachteten
Schöpfung zu wenden: von Plotin, dem im dritten nachchristlichen Jahrhundert
lebenden Neuplatoniker, der Platon zu interpretieren behauptet,
de facto aber ein eigenes philosophisches System errichtet. Die zwiespältige
Stellung des Künstlers, seines Werkes sowie der Schönheit, die sich
in diesem nur teilmanifestieren kann, welche sich aus Plotins System ergeben,
werde ich zu untersuchen haben, um Belloris neuplatonistische
Anleihen und wichtige Abänderungen verstehen und einordnen zu können.
Dann stellt sich die Frage, was Winckelmann dem einen, was dem
anderen verdankt und wo die Differenzqualität liegt.
Anschließend werde ich in Teil drei ausführlich auf die Beschreibung
des Apoll von Belvedere eingehen, die Winckelmann als den bedeutendsten
Teil seines Werkes erachtete, mit der er rang wie mit keiner
anderen Statuenbeschreibung, die er immer wieder umschrieb, weil
sie »den höchsten Grad menschlicher Vollkommenheit« erreichen sollte,
wie er im Mai 1758 an seinen Freund Johann Georg Wille schrieb
(Briefe I 1952: 369). Die Kunstbeschreibung wird zur Beschreibungskunst.
Nicht nur hierin, sondern auch in der auf Dialogizität zwischen
Betrachter und Statue – die sich gleichsam gegenseitig inspirieren, zur
Präsenz bringen – angelegten Rezeptionskonzeption ist Winckelmann
modern. Er antizipiert wichtige Elemente der Genieästhetik des Sturm
und Drang und erhebt damit zumindest seinen Oberkörper aus dem
klassizistischen Prokrustesbett, in das man ihn so gern bahrt. Was ihn
dennoch von einem ›Antiklassizisten‹ wie Wilhelm Heinse (1749–1803)
trennt, wird aufzuzeigen sein.
Der im sogenannten ›schönen Stil‹ gebildete Apoll ist von Winckelmann,
wie sich auf den zweiten Blick zeigt, androgyn konzipiert worden.
Die Sehnsucht nach Ganzheit und Überwindung der Partikularität,
welche Alchemie, Gnostizismus und Mystik zur Verwendung des Androgynsymbols
anregten, ist auch bei Winckelmanns Deutung des Apoll als
mannweiblich wirksam. Daß sein Schönheitsideal frappante Überschneidungen
mit dem sich ein Jahrhundert später in den europäischen Salons
und Literaturen bewegenden Typus des Dandy aufweist und es dabei
gleichfalls um Ganzheitssehnsüchte und Vollkommenheitsvorstellungen
geht, werde ich in einem kurzen Schlußteil darlegen.
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